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Heinrich sein Enkel

Es ist früh am Abend. Jetzt noch eine feine Kleinigkeit zum Essen und ein gutes Glas Wein. Schließt einmal die Augen. Wir befinden uns irgendwo in Frankreich. Vielleicht in Bordeaux ...
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er Margret ihre Nichte und dem Karl seine Tochter, waren bei Heinrich sein Enkel. Oder, Gaby und Pia haben Torben besucht. Torben hat eine Weinhandlung in Bielefeld. Ja, die Stadt gibt es wirklich und bereits seit 2014, 100 % Naturwein Vin Pur Weinbar und Weinhandel.

Vor gut sechs Jahren haben wir hier im Vin Pur unsere erste tiefe Naturwein-Erfahrung bei einer Weinprobe gesammelt. Es war eine ganz neue Welt und hatte nur wenig mit dem zu tun, was wir kannten. Unsere Geschmacksnerven waren überfordert. Beim Versuch zu beschreiben, was wir da tranken, fischten wir im wahrsten Sinne des Wortes in trüben Gewässern. Bei den Weinen fiel einer der größten Unterschiede sofort ins Auge, sie waren alle ungefiltert. Zudem enthielten sie keinen zugesetzten Schwefel. Viele von ihnen rochen fremdartig.

Wir ließen uns ein. Und die Geschichten, die Torben uns über die Winzer erzählte, die er fast alle persönlich kannte und die eine eigene Philosophie einte, faszinierten uns - bis heute.
Eine kleine Reise durch die Zeit. Wir stehen wieder vor Torbens Ladentür. Es sieht fast aus wie damals. Chillige Musik dringt leise nach draußen. Wir treten ein.

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In der Mitte steht, mit bunten Fliesen ummauert, eine großzügige Vitrine, gefüllt mit ausgesuchtem Käse aus Frankreich. Ringsherum Regale mit den unterschiedlichsten Weinen. Die Vielfalt der Etiketten erinnert an eine gut sortierte Bibliothek.

 Weiter hinten, eine halbe Treppe hinauf, in der Küche, steht ein Mann im dunklen Pullover, Bart und Dockermütze. Fast bedächtig faltet er einen Brotteig. Es ist Torben und wir finden, er könnte auch Jean heißen.

In den letzten Jahren hat sich hier einiges getan. Das Vin Pur hatte sich zu einer angesagten Weinbar entwickelt, einem Bistro, einer Gastronomie mit bis zu 17 Mitarbeitern. Tagsüber wurden hier von der Konditormeisterin frische Croissants gebacken. Der Koch hat die Abendkarte vorbereitet. Der Laden ging quasi durch die Decke und mit ihm Torbens Arbeitszeit. Auf der Strecke blieben die Gesundheit und die Familie.

Das hört sich ein wenig nach der Fabel vom Fischer an. Torben wollte die Bremse ziehen. Er beschloss, im Laufe des Jahres die Gastronomie herunterzufahren und das Vin Pur zu dem zu machen, was es einmal war. Ein Ladengeschäft. Das war im Januar – und dann kam Corona.
Der Plan des gemäßigten Rückzugs wurde zu einem schnellen. Von 17 runter auf 2. Torben gefällt das gut und sicher auch seiner  Frau und den zwei Kindern.

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Er hat die Tische raus genommen und die Wände mit Regalen für seine Weine bestückt. Der große Tisch in der Seitenstube ist nun Packtisch für den Onlinehandel. Der Blickfang ist wieder die Käsetheke. Sogar die Stammgäste sind hocherfreut und glauben, diese nun neu entdeckt zu haben.

So gesehen fühlt sich Torben als Corona-Gewinner. Die gewünschten Veränderungen haben nun wesentlich schneller stattgefunden – und er muss sich niemanden erklären! Sein Konzept passt in die Zeit und wird angenommen. Nun hat er die Freiheit zurück, die er vermisst hat. Er kann wieder raus und reisen. Zu seinen Freunden, den Winzern.

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Wir erinnern uns: Vor 10 Jahren begann Torbens Liebe zu Naturwein. Zu der Zeit lebte er noch in Köln, war Teilhaber eines Medien-Start-Ups und unglücklich. Mit Anfang 30 hatte er genug von der Schnelllebigkeit und dem Hype der Branche. Für ihn war es an der Zeit, seine Leidenschaft für puren Genuss, für guten Wein und allem, was dazu gehört, mehr Raum zu geben.
Bei einem Weintasting hatte er, quasi unterm Tisch, seinen ersten Naturwein angeboten bekommen. Er war sofort begeistert. Doch leider war dieser unverkäuflich. Der Winzer erklärte ihm, dass der Wein bereits nach Skandinavien und Japan versprochen war. In Deutschland war der Markt noch lange nicht reif für diese ursprüngliche Art des Weinmachens.

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Raus aus den Medien, rein in den Genuss. Torben ist auf der Suche nach einem Ladengeschäft. Zu Anfang ist er noch mit dem Auto, den Kofferraum voll Wein, zur den Gastronomem in Berlin und Hamburg gezogen. Eine Art mobile Vinothek. Als er Studienfreunde für ein Tasting in Bielefeld besucht, findet er ausgerechnet hier eine passende Location, eine alte Bäckerei. Nun noch ein wenig in die Hände spucken und 2014 sperrt dem Heinrich sein Enkel die Türen auf.

Auch Billi Wagner vom Nobehart & Schmutzig hatte sein Vin Pur besucht und mit ihm Wein verkostet. Doch damals brauchte es noch sehr viel Mut, Naturweine auf die Karte zu setzen. Zu ungewohnt, zu anders, zu fremdartig im Geschmack.

Das Vin Pur entwickelt sich. Ganz nach Torbens Vorbild, dem Heinrich. Sein Opa hatte einen Landgasthof. Die Produkte kamen aus dem Selbstversorgerhof und durch die Hausschlachtungen.  Das heutige „farm-to-table“ war damals gelebter Alltag.

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Während unseres Gesprächs widmet sich Torben immer wieder seinem Teig, mehlt und faltet ihn. Inzwischen hat er darin Routine.

Nebenan steht ein Raclette Grill, darauf ein halber Laib Käse. Einige Gäste holen sich die warme Mahlzeit als Abendbrot mit nach Hause, nicht ohne die ein oder andere Flasche Wein, versteht sich. Wir bekommen Appetit. Nach Geschäftsschluss ist eine kleine Warenprobe erlaubt. Wir genießen das frische, warme Brot, den geschmolzenen Käse, dazu ein Quittenchutney und gepickelte Beten.

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Dazu probieren wir einen 2019er Gewürzschlawiner, maischevergoren, vom Winzerhof Linder vom Kaiserstuhl. Wer sich erst einmal an das Thema Naturwein herantasten möchte, das ist der Wein. Der Zweite, ein Roter aus dem Languedoc mit leichter Blutnote ist da eher schon was für Fortgeschrittene.

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Die Vielfalt des Angebots ist groß. Einige Winzer, wie Lukas Krauss aus der Pfalz und Andy Weigand aus Franken kennen wir bereits persönlich. Stefan Vetter steht auf der Liste und wird eingepackt. Deutsche Naturweine, es hat sich viel getan.

Wir fragen nach, wie er zum hiesigen Weinbau steht. Für Torben ist es wenig nachvollziehbar, gleichzeitig konventionellen und biodynamischen Wein anzubieten. Der Lebensentwurf der reinen Naturwinzer ist ihm bedeutend näher. Man genießt auf einer Wellenlänge.

Das Vin Pur selbst hat kein BioSiegel. Das hat ihm auch schon eine Abmahnung eingebracht. Wer nicht Bio-zertifiziert ist, darf keine Bio-Produkte verkaufen. Also, er darf sie verkaufen, darf aber nicht damit werben. Nicht alle Winzer leisten sich das Prüfsiegel. Torben möchte auf deren Weine nicht verzichten, müsste es aber, wenn er zertifiziert wäre ... Wer will behaupten, dass Bürokratie verstehbar ist.

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Dass Torben für höchste Qualität steht, wurde ihm gerade bestätigt. Er wurde er vom VDP geadelt:
„Der erste WeinPlace, der ausschließlich Naturweine ausschenkt, vom einfachen Apfelperlwein bis hin zum absolutem „Freak-Stoff“.

Wir können das bestätigen und shoppen noch ein paar verheißungsvolle Weine, Torbens selbst gemachten Essig und eingelegte Zwiebeln. So holen auch wir uns ein kleines Stück der guten Atmosphäre mit nach Hause.

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