Hier gehts nicht um mich

Viele Jahre lang kreisten gemahlene Elbgoldbohnen durch die Siebträgermaschine in der Brainery. Wir hatten damals die überzeugendste Qualität in der Tasse und einfach ein gutes Gefühl, als wir nach einem passenden Kaffeepartner suchten. Im Gespräch mit Annika Taschinski wurde aus diesem Gefühl noch einmal die Gewissheit - mehr Kompetenz in Sachen Kaffee, mehr Fairness im Umgang mit Menschen, das geht wohl kaum.

Annika Taschinski  von Elbgold im Gespräch

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ls wir in der Lagestraße eintreffen, herrscht rege Betriebsamkeit in den modernen Räumlichkeiten mit Industrieflair. Eifrige Menschen in schwarz arbeiten an zischenden Maschinen, zaubern gekonnt Muster in den perfekten Milchschaum, oder füllen frische Bohnen aus großen Silos in graue Beutel mit Goldschriftzug. Chefin Annika Taschinski steht am Tresen, so wie schon damals, als sie und ihr Partner Thomas Kliefoth das erste Café in Winterhude eröffneten. Ihr Kunde ist in diesem Moment gerade die wichtigste Person und ihre Augen über dem ebenfalls schwarzen Mundschutz vermitteln ein wenig, dass sie ihr Team jetzt am liebsten weiter unterstützen möchte.

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Wir bestellen noch ein Heißgetränk, dann nimmt sie uns mit, eine Tür weiter, in den zukünftigen, neuen Verkostungsraum. Jetzt  bekommen wir ihre ganze Aufmerksamkeit und schnell einen ersten Eindruck von dem, was ihr wichtig ist. Als ich die Kamera zücke, um ein paar Bilder zu machen, stellt Annika klar: hier geht es nicht um Thomas oder mich. Sie sprudelt förmlich. Passion hat einen Namen: elbgold.

Wir vergessen unsere vorbereiteten Fragen, vorerst auch die Fotos, und lassen uns mitreißen in die Welt des Kaffees und dem Gold für die Elbe.

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Bereits 1995 haben die beiden, inspiriert von ihren vielen Reisen durch die Kaffeeländer der Welt und Besuchen bei den dortigen Kaffeefarmern beschlossen, Specialty Coffees an die Elbe zu bringen.

Thomas ist schon als Student auf seinem Roller quer durch Hamburg gefahren, stets auf der Suche nach dem besten Kaffee. Das erste Geschenk an seine Liebste war ein Espressokocher und zu Hause hat er die mitgebrachten Bohnen in der Pfanne geröstet.

Doch die Hamburger Banken konnten sich eine weitere Kaffee-Erfolgsstory in der Hansestadt nicht vorstellen, schließlich waren hier schon zwei Giganten zu Hause.

2004 ist es dann doch soweit. In Winterhude eröffnen die beiden ihren ersten Laden. Ein Ort, um den Menschen ihre Passion näher zu bringen. Doch zum Erklären kommen sie schon bald nicht mehr. 7 Tage die Woche röstet Thomas die Bohnen und trägt sie aus dem Keller in den Laden, wo Annika ihn ausschenkt und was noch da ist, verpackt. Kein Wunder also, dass man sie gern als Pioniere bezeichnet.

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Wir hingegen haben viele Jahre in der Werbung verbracht, für einen der Hamburger Kaffeegrößen gearbeitet und dachten, wir hätten Ahnung. Haben wir nicht!

Das wird spätestens dann klar, als wir 3 Kaffees schwarz und handgefiltert zum Verkosten bekommen. Eine mild geröstete "El Puento", eine auf der HoneyHaut gelegene "La Dalia" und eine anaerobe, fermentierte Bohne. Bombe. So heißt sie – und sie stinkt!

In der Kaffeewelt gibt es eine neue Art der Aufbereitung: Anaerobic Fermentation.

Die "Bombe" die wir verkostet haben, hat ihren Namen von einem Dorf in Äthiopien, das auf 2000m Höhe liegt. Nach dem Pflücken fermentieren die Kirschen in Fässern unter Luftausschluss für 5 Tage bei kühlen Temperaturen unter Bäumen im Wald. Danach trocknen sie für 27 Tage im Schatten auf African Beds in der kristallklaren Luft. Das Ergebnis ist eine Fruchtbombe die nach Erdbeer, Apfelringen und Roséwein schmeckt.

Inzwischen fühlen wir uns wie beim wine tasting: Geschmack, Geruch, Süße, Säure, das Strahlen, Aroma, Abgang ...

Der erste Kaffee schmeckt bekannt, angenehm, mild und irgendwie vertraut, einfach ein guter Kaffee. Der Zweite hat schon mehr – Gehalt, er schmeckt süß und fruchtig, ein Gewinnertyp

(und Bestandteil unseres Tastery Elbgold Sets). Der Dritte, das ist die Bombe, sie packt mich. Ja, er stinkt. Wie manch ein Naturwein oder spontaner Riesling, den wir schon verkosten durften. Der Geschmack ist vielfältig, hat was von Mango, eine ganz fruchtige Säure – und bereitet im Nachgang eine wahre Freude (und das mir, wo ich doch sonst nach jedem Genuss einen Pfefferminz brauche). Was wir noch lernen: Kaffee wird eher lauwarm genossen, da entwickelt er die meisten Aromen, also lassen wir ihn einfach etwas stehen und erfahren, wie sich der Geschmack mit sinkender Temperatur verändert, ja intensiver wird.

Nun sind wir drin, mitten im Produkt und in der Welt, um die sich hier alles dreht.

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„Das Produkt ist Kaffee – doch für uns geht es um Menschen! Alle elbgold Rohkaffees entdecken wir auf unseren Reisen in die Kaffeeanbauländer dieser Welt und beziehen sie direkt, fair und nachhaltig von den Produzenten."

Guten Kaffee kann jeder, der die Leidenschaft dafür hat. Wie der Wein einen guten Winzer braucht, so braucht es auch einen guten Kaffeefarmer, der sein Handwerk, sein Können, seine Liebe in die Bohne steckt. Kaffee ist ein Naturprodukt, und das will fair und gerecht bezahlt sein.

Der Hype um die coolste Siebträgermaschine, den hippsten ColdBrewKolben, die prämierte Kaffeefiltermaschine wächst und gedeiht. Doch bei der Bohne ist dann oft Schluss. Dabei fängt es doch genau da an.

Kaffee ist ein Luxusgut, nach dem deutschen Steuergesetz. Die Kaffeesteuer beträgt für Röstkaffee 2,19 € je kg und für löslichen Kaffee 4,78 € je kg.  Ein Kaffeebauer lebt mit seiner Familie im Jahr von umgerechnet ca 1.300 €. Und ich mag fast gar nicht laut darüber nachdenken, was er für seine Bohnen bekommt, wenn das Kilo im Supermarkt 8 € kostet. (Da sollten wir aber drüber nachdenken!)

Annika und Thomas kaufen beim Farmer direkt ein. Ausschließlich. Im Direct Trade bekommen die Kaffeebauern einen weitaus höheren Preis als marktüblich für spezielle Kaffeesorten mit hervorragender Kaffeequalität.

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Von Beginn an kennen sie jeden ihrer Partner vor Ort persönlich. Besuchen sie, leben einige Tage mit ihnen auf der Farm, teilen quasi Tisch, Bett und Plumpsklo. Sie helfen ihnen zu wachsen, sich weiter zu entwickeln und so mehr Geld für ihre Kaffeekirschen zu erwirtschaften. Dabei tun sie noch viel mehr, doch das ist hier nicht das Thema.

Cup of Excellence

Der weltweit renommierteste und angesehenste Wettbewerb für Spezialitätenkaffees heißt „Cup of Excellence“. In der Kaffeewelt ist der Cup of Excellence die höchste Auszeichnung, die ein Kaffee erhalten kann. Ziel dieses Wettbewerbs ist es, die besten Kaffees des Landes zu bestimmen. Die ausgezeichneten Kaffees dürfen bis zum nächsten Cup of Excellence ein Siegel tragen, an dem der Käufer die besten Bohnen der Saison erkennt.

Der Kaffee wird nach 10 Kriterien beurteilt: Aroma, Säure, Körper, Charakter, Süße, Klarheit, Balance, Ausgewogenheit, Abgang und Gesamteindruck. Zu jedem Faktor können 10 Punkte vergeben werden, von „0“ für nicht vorhanden bis „10“ für einmalig. Nur die Kaffees, die eine Bewertung von mehr als 80 Punkten erreichen, werden als „Spezialität“ bezeichnet. (Quelle: roastmarket.de)

Wir veredeln nur.

Wenn mehr Menschen um die wahre Qualität von Kaffee wissen und sich begeistern, ändert sich die Nachfrage. Immer mehr gute Kaffeeveredler (-Röster) suchen den Markt. Das ist sehr gut! So entstand der "Cup of Excellence", deren Juroren (Q-Grader) darauf achten, dass die hohen qualitativen und ethischen Ansprüche gehalten werden. Thomas Kliefoth ist seit Jahren als einer der ehrenamtlichen Q-Grader aktiv. Und auch Annika, Bastian und Sven sind heute anerkannte Q-Grader.
Ein Grund, warum Unternehmen ihre Kompetenz für die Produktentwicklungen suchen und sich von ihnen beraten lassen.

Doch es gibt noch ein Nadelöhr. Der Import. Manche Bauern ernten im Jahr nur zwischen 1-5 Sack Kaffee. Für das Shipping benötigt man Container. Hier braucht es Zusammenhalt. Gemeinsame Einkäufe senken die Kosten, machen die hohe Qualität für den Konsumenten bezahlbar und garantieren dem Kaffeebauern gerechte Preise für ihr Produkt.

Aus diesem Grund hat elbgold PLOTCOFFEE ins Leben gerufen. Sie vernetzen Kaffeefarmen mit Kaffeeröstern, importieren beste Kaffeebohnen von Nano- und MicroFarmen um diese an die ambitionierten Kollegen weiterzugeben.

In manchen Ländern ist die Kaffee-Produktion schon im Vorfeld geregelt. Dort arbeiten Politik und Kaffeegiganten (auch deutsche) zusammen und regulieren nach ihren Interessen den Markt.

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"Jeder Kaffee erhält ein individuelles Röstprofil, sodass wir sowohl für klassische Kaffeetrinker als auch Third Wave Coffee Liebhaber den passenden Filterkaffee oder Espresso im Sortiment haben."

elbgolds langjährige Mitarbeiter sind mittlerweile selbst Experten, Q-Grader, reisen durch die Länder, immer auf der Suche nach passenden  Kaffeefarmern und deren Kirschen. So, wie Sebastian ("Basti") Kohrs, der eigentlich  Sozialpädagogik studieren wollte, bei elbgold jobbte und dann "hängengeblieben" ist, aus Überzeugung und Erfüllung. Und das nun schon 6 Jahre.
Seine Augen blinzeln, als er auf unsere Frage,  ob ihn die Arbeit mit Annika und Thomas verändert hat, antwortet. "Ja, natürlich. Meine Werte haben sich weiter ausgeprägt." Heute lebt er mit Frau und Kindern auf einem alten Bauernhof. Sie wollen sich selbst versorgen. Nachhaltigkeit leben. Er ist mehr als Kaffeeröster. Er ist ein Teil von elbgold.

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Und die Folgen von Covid-19?

Der Ausschank im Laden war so nicht mehr möglich. Doch was passierte mit den vielen gerade älteren Gästen, die ihre Freude daran hatten, allwöchentlich ihr halbes Pfund Kaffee abzuholen, und einen Klönschnack halten wollten? Annika organisierte einen Lieferservice für ihre Stammkunden. Mit dem Fahrrad quer durch Hamburg.
Darauf folgten all die, die jetzt viel Zeit zu Hause verbrachten und online surften. Der Online-Handel wuchs und kompensierte schnell die fehlenden Einnahmen, sodass die Mitarbeiter vom Festangestellten bis zur Aushilfe nach und nach aus der Kurzarbeit zurück in die Beschäftigung kamen.

"In den ersten Wochen stellten wir uns natürlich auch die Frage: Gehen wir auf Sicherheit und halten fest, was wir haben? Oder kaufen wir weiter bei unseren Farmern ein, auch wenn wir auf den Bohnen sitzen bleiben? Aber das war nicht wirklich eine Frage. Natürlich wurde der Kaffee abgerufen. Gerade für die Farmer ist es sehr wichtig, eine Kontinuität zu haben."

Aktuell finden die beiden elbgold Chefs die Größe ihrer Unternehmungen gut. Natürlich gibt es immer wieder neue Ideen und Pläne, aber Wachstum hat keine Priorität.

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Wir schlürfen die letzten, inzwischen kalt gewordenen Tropfen des immer noch überzeugenden Kaffees aus der Tasse und gehen zurück in die Rösterei.

Annika füllt uns bereits die beiden "Tastery Beutel" mit frischen Bohnen von der "Finca La Dalia" in El Salvador. Dann fällt ihr Blick schon wieder auf den nächsten Kunden, der etwas suchend auf die vielen beschrifteten Silos schaut, und wir sind sicher, er ist in den besten Händen ...

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epilog

Wir gehen an der Theke vorbei, bestellen natürlich noch einen Kaffee, diesmal schwarz und handgefiltert (man bekommt das schwarze Gold übrigens in jeder gewünschten Zubereitungsform), da fällt unser Blick auf die bunten Stullen und Kuchen. Unser Magen meldet sich, kein Wunder, so ganz ohne Frühstück. Wir trauen uns kaum, es zu sagen: Die leckersten Kuchen, die wir seit Langem probiert haben und Sauerteigbrot können sie auch.

Danke, liebe Annika für deine Zeit, das Sprudeln, das Tasting und das Vertrauen.

elbgold Röstkaffee GmbH

Lagerstraße 34c, 20357 Hamburg

040 23517520

www.elbgoldshop.com

 

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1 Kommentar zu “Hier gehts nicht um mich

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