Es geht auch anders

Müssen wir darüber reden, dass sich Tierhaltung ändern muss? Ja, das müssen wir! Und wir können uns keine bessere Gesprächspartnerin vorstellen als Rinderzüchterin Anna Butz, die einiges anders macht.

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ls ich zum ersten Mal mit Anna telefonierte, war das auch schon fast das Ende. Ich erfuhr, dass die begehrten Fleischpakete ihrer "Alster-Wagyus" innerhalb kürzester Zeit ausverkauft seien und – ich möchte sie da nicht falsch verstehen – sie keine neuen Kunden braucht. Ich verstand.

Beitragsbild, schwarz weiß, Anna Butz im Gespräch

Das Dilemma

Anna klang nicht arrogant, es war die ehrliche Antwort und es beschrieb das Dilemma, in dem sie sich befand: Die Nachfrage nach dem Fleisch ihrer Tiere ist groß, die Anfragen zu ihrer Person ebenfalls. Funk und Fernsehen rennen ihr die Stalltüren ein, was sicherlich auch am mehr als ungewöhnlichen Umstand liegt, dass Anna selbst gar kein Fleisch isst. So wichtig es ihr ist, mit ihrer Arbeit zu zeigen, dass es auch anders geht, alles hat seine (natürliche) Grenze.

Vielleicht war das der Weg?! Über diese Zwickmühle und mögliche Auswege möchte ich schreiben. Wir dürfen sie besuchen, wenn die Wasserbüffelkuh nicht kalbt oder etwas Unvorhersehbares passiert. Wir melden uns 30 Minuten vor Ankunft in Tangstedt telefonisch. Es ist alles ruhig bei den Rindern, wir können kommen.

Beitragsbild Hofeingang mit Schild Alster Wagyu im Gegenlicht
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Alles Gute auf deinem Weg liebe Anna

Der Wettergott meint es gut mit uns. Als wir auf dem Hof  ankommen, werden wir unaufgeregt freundlich begrüßt. Anna Butz steht inmitten von frei laufenden Hühnern und einigen namenlosen Hofkatzen an ihrem Bulli, sortiert trockene Brötchen und Obst für ihre Tiere.

Habt ihr Angst vor Hunden? Haben wir nicht, wir haben selbst einen Hund im Auto. Und das ist auch gut so. Als sie die Tür öffnet, begrüßt uns stürmisch ein unerschrockener, knapp 70 Kilo schwerer Kangal, der Menschen sehr, Artgenossen umso weniger mag. Nun haben wir aber wenigstens Respekt.

Gemeinsam gehen wir durch den großen umgebauten Stall auf eine ihrer Weiden. Um uns herum stehen ca. 50 Kühe mit ihren Kälbern, einige keine 24 Stunden alt. Ein hübscher Mix aus Wagyus, Chianina, Mischlingen, Braune, Weiße, Bunte und 5 Wasserbüffel.

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Beitragsbild, schwarzer Wasserbüffel auf der Weide
Beitragsbild, imposanter Bulle "Obelix" auf der Weide

Wir werden neugierig beäugt. Angst hat hier niemand. Anna spricht jedes Tier mit seinem Namen an und sie reagieren. Ich drehe mich nach links und dann bleibt mir fast das Herz stehen. Was für ein Kerl! Obelix hat Kurs auf mich genommen. Langsam, gemächlich kommt er näher. Vor mir steht ein Ochse von 1600 kg ohne Nasenring und küssen kann er auch.
Lukas, der Wasserbüffelbulle möchte sich messen. Anna macht den Jungs schnell klar, dass sie auf Testosteronspiele gar keine Lust hat. Eine Ansage reicht.

Irgendwie sehen die Kühe anders aus. Und dann weiß ich warum. Sie geben ihre Milch den Kälbern und werden nicht gemolken. Ihre Euter sind so klein, dass ich zweimal hinschauen muss.

Beitragsbild sehr junges Kälbchen im Gras liegend
Beitragsbild, Wagyu Kälbchen vor Euter der Mutter

Wir lernen viel über die unterschiedlichen Rassen und dass es auch bei Tieren weniger nette Charaktere gibt. Das macht es dann tatsächlich etwas einfacher. Es braucht Ruhe in der Herde, in der Gemeinschaft. Ein echter Störenfried wird da nicht alt.
Doch bis wir zum Sterben kommen, sprechen wir erst einmal über das Leben.
Annas Kuh-Karriere war nicht geplant. Ein Freund suchte einen Platz für ein junges Rind, das er vor dem Schlachter bewahren wollte. Anna hatte Pferde auf der Weide, da passte auch noch ein Rind dazu. Das sprach sich herum und bald wurden es mehr.
Dafür gab es immer weniger Pferde. Anna war auf die Kuh gekommen. „Seit ich Kühe kennen, bin ich mit Pferden durch."

Vor 3 Jahren dann wurde ihr der Hof angeboten. Der Landwirt wollte den Milchviehbetrieb aufgegeben. Wahrscheinlich hatte er keine Lust oder Kraft mehr für den Preiskampf, der eigentlich nur noch über Masse geführt werden kann. Aber das ist ein anderes Thema ...

Der Grundstein für die Herde war gelegt. Der Wagyu-Bulle "Ito" und ein Chianina Bulle sind die Stamm-Väter der Herden. Ihre Kinder werden groß und stark.

„Ich will nicht, dass einer sein Leben gibt, damit hinterher 150 Kg am Haken hängen. Das sollten schon eher 400 Kg und mehr sein. Das ernährt mehr Menschen. Und das ist besser als ein Huhn, das schafft es ja gerade einmal 1 bis 2 Menschen zu ernähren." So haben wir es noch nie betrachtet ...

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Hornviecher

Die Enthornung bei Kühen ist ein wichtiges Thema. Menschen haben zwei Gründe, weshalb sie Kühen die Hörner entfernen: Sicherheit und Profit.

Von Natur aus sind Kühe nicht aggressiv, böse oder hinterhältig. Und je artgerechter die Ställe gestaltet sind, umso weniger Auseinandersetzungen und Verletzungen gibt es in der Herde.

Eine Kuh mit Hörnern benötigt natürlich etwas mehr Platz im Stall und mehr Betreuung. Das Risiko, dass ein Mensch oder eine Kuh durch Hörner verletzt wird, kann deutlich verringert werden, wenn Kühe und Menschen, lernen Vertrauen zueinander zu haben. Beispielsweise durch artgerechtes, geduldiges und aufmerksames Miteinanderumgehen von klein an.

Die Hörner sind keine toten Anhängsel. Sie sind gut durchblutet. Das Horn wächst ein Leben lang. Wird größer und bekommt seine individuelle Gestalt. Einzigartig, wie der Fingerabdruck eines Menschen. Sogar die Anzahl der geborenen Kälbchen kann man an an den Hörnern einer Kuh ablesen - das zeigen die sogenannten Kälberringe. Das Horn wächst nicht nur außen. Es verändert sich auch Innen. In die Hörner wächst die Verlängerung der Stirnhöhlen.

Es ist wichtig zu hinterfragen, WARUM Kühen Teile ihres natürlichen Körpers entfernt werden, nur um wirtschaftlicher arbeiten zu können. Es ist nicht artgerecht, dass durch Enthornung die Kühe den Ställen angepasst werden. Wo bleiben da die Achtung und Würde des Lebewesens und der Respekt für die Lebensmittel, die es dem Menschen zur Verfügung stellt?

(Quellen: demeter.de und hornkuh.de)

Beitragsbild, Close up Kopf vom Alster Wagyu Mix Obelix
Beitragsbild, Kuhhorn im Anschnitt

Auch Kühe wollen ein artgerechtes Leben

Sie brauchen Platz, zum Leben, Toben, Spielen. Die Kälbchen wollen bei ihrer Mutter sein und die Mütter bei ihren Kälbern. Obelix ist gern bei seinen Mädchen und Kindern. Und die Jungs möchten nicht ohne Narkose kastriert werden.
In der konventionellen Nutztierhaltung werden Bullen 1,5 bis 2 Jahre alt. Den Rindern von Anna sieht man in diesem Alter an, dass sie noch schlaksige Teenager sind, unausgewachsen, fast mager. Hier werden sie mindestens 4 Jahre alt oder noch viel älter.
Die Kälbchen werden mit 22 Wochen zur Schlachtbank geführt. Konventionell.

Beitragsbild junges Kalb
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Beitragsbild junges Kälbchen im Gras liegend

Annas Hof ist nicht zertifiziert. Ihre Tiere bekommen nur Gras, Heu, Heulage und Stroh. Kein Kraftfutter. Den Tierarzt sehen sie nur, sollte es wirklich notwendig sein.
„Draußen“ werden Milchkühe ca 6 Jahre alt, bis sie zum Schlachter kommen, ihre Körper haben so viel geleistet, dass ihr müdes Fleisch zu Hack verarbeitet wird.
Alle Rinder bei Anna haben Hörner, es sei denn, sie kamen schon ohne zu ihr. Sie kommunizieren mit ihnen. Und wir lernen noch mehr über das Horn, das tatsächlich die Verlängerung der Stirnhöhlen in sich trägt.
Die Tiere können sich frei und weit bewegen, wenn sie Lust haben, spazieren sie gemütlich den Weg entlang zum stets mit frischem Heu gefüllten Stand.

Beitragsbild, zwei weiße Chianina Rinder vor dem Stall

,Anna ist täglich mehrere Stunden bei ihren Tieren. Spricht mit ihnen, streichelt sie. Ihre Tiere sollen keine Angst vor Menschen haben. Wenn der Tag kommt, an dem die Kunden ihre Fleischpakete abholen, sieht es hier aus wie in einem Streichelzoo. Die Menschen erfreuen sich an den Tieren und ihnen ist bewusst, dass sie ein Tier essen, bei Bärchenwurstessern ist das anders.

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Beitragsbild Anna Butz krault nachdenklich Rücken vom Rind
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Am Ende verrate ich sie doch

Anna spricht offen über den Tod. Den Tod an sich empfinde ich als zum Leben dazugehörig. Wenn sie es nicht kommen sehen, ist alles ok. Aber wenn wir ihr dabei in die Augen sehen, wird klar, dass es tiefer geht.

Die Schlachtung sollte sorgsam, achtsam, ohne Angst und Stress und mit Respekt geschehen, nicht belanglos und unwert sein.

Maximal 2 Rinder lässt Anna Butz pro Monat schlachten, mehr machen ihre Nerven nicht mit. "Damit es dem Rest der Bande gut geht und mir finanziell," sagt sie. Wenn eines ihrer Rinder geschlachtet wird, ist sie dabei. Das Tier bleibt bis zum Ende im Hänger, wird von Anna gestreichelt und bekommt noch einmal ein Brötchen. Für Anna ist das immer wieder auch ein Verrat an ihren Tieren. Für uns ist es ein Beispiel von unendlich viel Liebe und Kraft, dies für uns Menschen und ihre Tiere zu tun.

"Ich verstehe Menschen, die Fleisch essen wollen, und ich helfe ihnen, es anständig zu tun", sagt sie. Deswegen passt das sehr wohl zusammen, meint sie, Veganerin sein und schlachten lassen.

Anna Butz ist eine Idealistin. Sie zeigt, wie gute Tierhaltung funktioniert, wie es anders sein kann. Und sie ist Pragmatikerin.  „Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass die Menschen aufhören, Fleisch zu essen." 
Anna ist es wichtig, den Menschen wieder nahezubringen, dass ein Tier nicht nur aus Filet besteht. Dem Fleisch wieder eine Wertigkeit geben, zurück zum Sonntagsbraten.

Einmal pro Woche. Wir schaffen das!

 

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Wir sehen eine dezent geschminkte Frau mit perfekten Fingernägeln und derben Schuhen. 
Das ist kein Spagat, das ist für sie das ganz normale Leben.

Bevor wir gehen, begleiten wir Anna noch zu ihrem Liebling Ito. Der hat schon geraume Zeit von sich hören lassen und um Besuch geben. Ito steht mit seiner Männer Gang auf einer eigenen Weide. Als er ihre Stimme hört, kommt er von Weitem gelaufen und wird mit ausgiebigen Bürstenstrichen verwöhnt.

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Wir brauchen mehr Verrückte

Wir brauchen mehr verrückte Menschen, die abweichen von der Norm, die den Mut haben, andere Wege zu gehen, die Dinge anders machen, die Verantwortung übernehmen, die Risiken eingehen, die ihre Werte leben, die Tieren mit Menschlichkeit begegnen.

Und wir brauchen mehr verrückte Kühe da draußen auf der Weide, mit ihren Kälbern, mit ihren Hörnern und mit wohlverdienten Streicheneinheiten, bis zu einem respektvollen Ende, nach einem respektvollen, artgerechten Leben.

Liebe Anna, wir haben großen Resprekt vor deiner Arbeit und sind dankbar, dass wir dich und deine wunderbaren "Rindviecher" kennenlernen durften, ein unvergessliches Erlebnis – mit Folgen für unsere und hoffentlich noch viele Teller!

Alles Gute auf deinem Weg liebe Anna
Alles Gute auf deinem Weg liebe Anna

Wie zum Beginn der Story geschrieben, ist die Warteliste bei "Alster-Wagyu" lang.

Anna ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass es mehr gute Höfe gibt. Sie hat uns auf May von  https://besserfleisch.de/  aufmerksam gemacht, schaut bei Interesse gerne mal vorbei, wir tun es auch!

Alster Wagyus - Anna Butz

Der Hof und die Weideflächen befinden sich in der Region Tangstedt / Wiemerskamp, Schleswig-Holstein.

www.alster-wagyus.de